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Weshalb werden hier in diesem Yoga keine Atemübungen (pranayama) praktiziert?

 

  1. Woher kommt pranayama, welche ursprüngliche Bedeutung hatte es?

Pranayama ist ein Bestandteil des umfangreichen und jahrtausendealten geistigen Schulungsweges des Yoga. Pranayama bedeutet wörtlich übersetzt: Kontrolle der Lebenskraft (prana). Es handelt sich um eine spezielle Methode zur Führung der Atmung. Die Atmung wird auf bestimmte Weise geführt und wirkt vor allem auf das feinstoffliche Energiesystem. Pranayama wurde dabei immer unter strenger Führung eines Meisters oder geistigen Lehrers in den sog. Ashrams unterrichtet. Der Lehrer wusste um die Folgen und auch die Möglichkeiten des Übens und begleitete so seine Schüler.

 

2. Wie wirken pranayama-Übungen auf den Menschen?

Hierzu ist es hilfreich, sich einmal die Bedeutung des Atems für den Menschen zu vergegenwärtigen. Der Atem begleitet den Menschen in seinem Erdendasein, d.h. vom ersten Atemzug bei der Geburt bis zum letzten Atemzug, dem Ausatmen beim Eintritt des Todes. Jeder Mensch hat dabei einen individuellen Atemrhythmus, eine individuelle Art zu atmen (z.B. tief oder flach), die meist unbewusst bleibt und autonom durch das vegetative Nervensystem gesteuert wird. Die Atmung reagiert dabei sehr stark auf verschiedene Aktivitäten, seien sie körperlicher Art (z.B. Sport oder Bewegung allgemein) oder seelischer Art (z.B. Freude, Ängste). Man bekommt also ein Bild, dass der Atem beim Menschen durch eine eigene, meist unbewusste Kraft gesteuert, geführt wird. Im Atem drückt sich sehr deutlich die Persönlichkeit des Menschen aus.


Die sogenannten pranayama-Übungen beeinflussen nun den Atem durch die Technik des Rhythmisierens (Einatmen – Anhalten- Ausatmen erfolgt in einem vorgegebenen Rhythmus) und greifen so in das vegetative Nervensystem und in ein auf den einzelnen Menschen abgestimmtes Willensgefüge ein. Als spürbare Wirkung tritt in der Regel eine innere Ruhe, Steigerung der Konzentration und Kräftesammlung ein. Die Rhythmisierung des Atems dient außerdem zur Erweiterung des Bewusstseins, die Nerven werden empfindlicher und somit steigt auch die Sensitivität. Da der Mensch sich jedoch aus einem natürlichen Rhythmus selbst herausnimmt, ist es nicht selten, dass nach längerer Zeit des pranayama-Übens Disharmonien oder auch Krankheiten -oftmals sind es psychische Krankenheiten- auftreten können. Es stellt sich also die Frage, wieweit  ist der Mensch in seiner ganzen Entwicklung schon fähig, diese, durch die Methode der Atem-Rhythmisierung aufgegebene Führung des Lebens selbst zu übernehmen.


 

3. Welche Bedeutung hat nun die sog. Übung des freien Atems, wie sie im Sinne eines Neuen Yogawillens betont wird?

Im Mittelpunkt dieser von Heinz Grill begründeten Yogaübungsweise steht in Bezug auf die Atmung deren seelische Komponente, da es sich beim Atmen um einen weit über den rein körperlich lebenserhaltenden Vorgang der Sauerstoffaufnahme und der notwendigen Kohlendioxidabgabe handelt. Durch die Atmung steht der Mensch, wie oben erwähnt, zum einem mit einem höheren, weisheitsvollen Prozess in Verbindung, aber genauso steht der Mensch auch in Verbindung mit seiner Umgebung. So geht aus dieser seelisch-erweiterten Sichtweise in Bezug auf die Übungsweise des Yoga vor allem die Frage hervor, wie geht nun der Übende mit der Atmung um, bleibt diese in einem natürlichen, den Anforderungen der Bewegung entsprechenden Fließen oder benutzt er die Kraft des Atems zur besseren Umsetzung der Yogaübung. Ein Hauptgedanke, der dabei für die ganze Übungsweise wegweisend ist, lautet: „Die seelische Dimension des freien Atems beginnt in der Bewusstseinsarbeit und diese wiederum beginnt in der Auseinandersetzung außerhalb der eigenen subjektiven Willensumstände“.(Heinz Grill: „Die Seelendimension des Yoga“, S 29, 3. Auflage, Synthesia-Verlag).

Ganz praktisch sieht dies so aus, dass der Übende durch eine der Beobachtung vorausgehende Vorstellungstätigkeit eine gedankliche Grundlage setzt, auf die dann der Atemprozess in bewusster Weise wahrgenommen werden kann. Bei dieser Beobachtung taucht der Übende dann nicht wie bei den erwähnten pranayama-Übungen in sein subjektiv Inneres ein, sondern er kann den Atem objektiv wahrnehmen und dessen Bedeutung empfinden.

Ein Erkraften des Menschen durch einen gesunden Atem erfolgt also hier durch eine objektive bewusste Wahrnehmungstätigkeit, nicht durch eine gezielte Beeinflussung des autonomen Atemgeschehens.

4. Vorstellen einer „Atemübung i.S. des Freien Atems“

Konkrete Übung:  Vier Dimensionen in einem Atemzug
(siehe: Heinz Grill, „Kosmos und Mensch“, S.172 ff., Lammers-Koll-Verlag)

Bei einer spezifisch gewählten Abfolge einer großen Einatemphase können die vier Teilregionen des Rumpfes, d. h. vier Atemregionen wie Flanken, Bauch, Lungenspitzen und Herz erlebt werden:

Rückenlage einnehmen. Sich der Flanken in der Region oberhalb der Taille bewusst werden und in sanftem Hauch in diese Region einatmen. Der untere Teil des Brustkorbes mit den sogenannten fliegenden Rippen dehnt sich aus und erfüllt die Taille. Im gleichen Atemzug in die Fortsetzung der Flanken in die Tiefe des Bauchraumes atmen, so dass das Gefühl entsteht, der Atem erfüllt und berührt den Beckenboden. Weiter im gleichen Zuge einatmen und die Aufmerksamkeit hinauf zu den Schlüsselbeinen richten und beginnen den Brustkorb zu füllen. Die obersten Rippen heben sich geringfügig an. Schließlich den Atem gedanklich und bewusst direkt in die Mitte des Brustkorbes in die Herzregion führen und die große Einatmung beenden. Ausatmung erfolgt entspannt, weich und natürlich. Günstig wären zehn bis fünfzehn Atemzüge.

Es sind mit dieser bewussten und differenziert wahrgenommenen Atmung entsprechend der vier angesprochenen Regionen auch vier unterschiedliche Empfindungen zu entdecken:

Flankenatmung – WEITE
Tiefenatmung – TIEFE
Schlüsselbeinatmung – SENSIBILITÄT   
Mittenatmung – INDIVIDUALTITÄT